Der Henker von Kulmbach im Interview

Hermann Müller führt seit 30 Jahren mal als Henker, mal als Nachtwächter verkleidet durch die Gassen Kulmbachs und nun auch durch die Ausstellung „Hexen, Werwölfe und Untote“. Ihn fasziniert das Thema Mittelalter, Raunächte und Strafvollzug. Katja Paczynski hat mit dem „Henker von Kulmbach“ gesprochen:

Frage: Wie kam es zu der Ausstellung „Hexen, Werwölfe, Untote“ auf der Plassenburg?
Müller:
Helmut Lautner, Professor an der Universität Bayreuth, hat ein Faible für Historie, Mittelalter und Scharfrichterwesen. Er hat diese neue Ausstellung zusammengetragen, vieles stammt aus England. Dort ist so etwas leichter zu bekommen. Die meisten Exponate sind Nachbauten. Helmut Lautner hat streng darauf geachtet, dass sie möglichst originalgetreu sind.

Frage: Die Skelette zu Beginn der Ausstellung sehen täuschend echt aus – sind sie es?
Müller:
Die Skelette sind nicht echt. Alles andere wäre pietätlos. Wir haben in einem Hügelgrab eine einzige echte Leiche, aus einer Zeit, als Brandbestattung noch üblich war. Die Asche können wir zeigen. Aber um das Grauen zu begreifen, reicht es nicht, wenn man ein Protokollbuch des 16. Jahrhunderts zeigt, das kein Mensch lesen kann. Daher die Nachbauten.

Frage: Wo lässt man solche Sachen nachmachen?
Müller:
Helmut Lautner ist handwerklich sehr geschickt. Das Henkerschwert aus der Ausstellung gibt es im Internet zu kaufen. Das ist dann natürlich blitzsauber. Aber es gibt Techniken, diese Dinge altern zu lassen und das beherrscht er meisterhaft.

Frage: Haben Sie ein Lieblingsexponat?
Müller: Mich persönlich interessiert das Thema Raunächte, Sagen und Schiechperchten. Im Voralpenland gibt es noch die Perchtenläufe. Da stecken junge Burschen in Kostümen und laufen als Perchten verkleidet durch die Straßen.

Frage: Wie ist es zu erklären, dass die Menschen bis vor einigen Hundert Jahren ihre Mitmenschen noch so grausam gequält haben?
Müller:
Ich glaube, dass sich der Mensch selbst in einer von Gott beherrschten Welt, in einer göttlichen Ordnung wahrgenommen hat. Das bedeutet: Wenn jemand gegen die göttlichen Gebote verstoßen hat, dann musste natürlich mit aller Macht versucht werden, die göttliche Ordnung wiederherzustellen.

Frage: Glaubten die Kulmbacher an „Hexen, Werwölfe und Untote“?
Müller:
Auch in Kulmbach gab es sieben nachgewiesene Hexenprozesse. Aber hier hat nie ein Scheiterhaufen gebrannt. Die Kulmbacher Hexenprozesse endeten in der Regel mit Landesverweisung. Das bedeutet: Das feindliche bambergische Ausland hat schon bei Motschenbach begonnen, ging dann nach Norden, Richtung Stadtsteinach und Marienweiher – das war alles schon fürstbischöfliches Gebiet und damit Ausland.

Frage: Die Ausstellung ist ganz schön gruselig. Ist sie etwas für Kinder?
Müller:
Die Kinder sollten schon älter als zwölf Jahre sein. Ich glaube allerdings, dass heute über das Fernsehen viel mehr Gewalt transportiert wird, als in dieser Ausstellung, die ja doch recht sachlich und nüchtern ist.

Frage: Was ist ihrer Meinung nach das Besondere an dieser Ausstellung?
Müller:
Zum einen ist sie unglaublich vielseitig, zum anderen soll sie die Opfer würdigen – gerade im Bereich der Hexenverfolgung – die völlig unschuldig in eine Maschinerie hineingeraten sind, aus der sie nicht mehr raus gekommen sind. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter, wenn ich mir vorstelle, was mit manchen Menschen angestellt wurde. Es gibt heute noch genug Menschen, die zu Wahrsagern gehen, die sich aus der Hand lesen lassen. Es gab in Kulmbach einen Kulturreferenten, der erzählte, dass sein Vater bei der Apfelernte aus altem Brauch einen letzten Apfel für Wotan hängen ließ. Aberglauben liegt nicht Jahrhunderte zurück, er existiert heute noch.