„Bamberg war schon Ausland“ – ein Nachmittag mit dem Henker von Kulmbach

Was isst man, wenn es nicht mal mehr Ratten zu essen gibt?“ Fragend schaut der finster wirkende Henker in die Runde. 25 ratlose Gesichter schauen ihn an – seine Augen sind durch eine schwarze Augenbinde verdeckt. „Richtig: man isst Kinder! Hänsel und Gretel ist nicht nur ein Märchen.

Der große, kräftige Mann im mittelalterlichen, rostbraunen Umhang hat die Kapuze tief ins maskierte Gesicht gezogen, als er den Besuchern der Plassenburg von Früher erzählt. Hinter dicken Mauern führt Hermann Müller als Henker von Kulmbach durch die Ausstellung „Hexen, Werwölfe und Untote“.

“In einer Zeit, als selbst das Fleisch von Ungeziefer knapp war, wurden die Menschen zu Kannibalen“, erklärt der Henker, bevor er die Besucher zu dem Raum führt, in dem sich die Ausstellung befindet. Vorbei an uralten, dunklen Gemälden der einstigen Burgbewohner, deren schwarze Augen den Besucher zu verfolgen scheinen, führt der Henker die 19 Erwachsenen und sechs Kinder über steinerne Treppen und durch dicke, schwere Türen.

Vor einem Hügelgrab stoppt, er. Wartet auf die Nachzügler, damit alle die schreckliche Nachricht hören: In diesem Raum liegt eine echte Leiche! Die Besucher schauen suchend umher. Das einzige, das sie sehen, ist ein grau-brauner Hügel mitten im Raum. Von einer Leiche keine Spur. Der Henker lächelt und führt die Menge um das Grab herum. Dort liegt sie: die Leiche.

„Das kleine Häufchen weiße Asche, das war einmal ein Mensch“ sagt der Henker und weist auf ein etwa handtellergroßes Häufchen Asche. 25 Augenpaare starren auf die sterblichen Überreste. „Wenn man überlegt, dass das alles ist, was von einem ganzen Leben übrig bleibt…“, murmelt einer.

Weiter geht es durch einen schweren, schwarzen Vorhang, dann stehen die Besucher vor einem Sarg. Und der Sarg ist nicht leer: ein Skelett ist darin verscharrt. In einer Ecke ein schauriger Friedhof im fluoreszierenden Licht. Die geschundenen Skelette haben den Kopf zwischen den Beinen, andere sind mit Steinen beschwert. So wurden vermeintliche Vampire beerdigt, damit sie nicht wiederkehren können. Die Gespräche verstummen.

Etwas weiter ein Schädel in einem Glaskasten. Diesem hat man nach dem Tod einen keilförmigen Stein so stark zwischen die Zähne gerammt, dass der halbe Schädelknochen gespalten wurde. An der gegenüberliegenden Wand ist ein Kopf auf einem Spieß zu sehen, Blut fließt aus dem Mundwinkel. “Angebliche Werwölfe wurden gerädert, zerteilt, ihr Kopf auf einen Spieß gesteckt, damit sie nicht weiter morden konnten”, erzählt der Henker mit tiefer Stimme. „Es ist schockierend, wie naiv die Menschen damals waren“, sagt ein älterer Herr zu seiner Begleitung.

Ein großer, eiserner Stuhl stammt aus der Zeit der Hexenverfolgung. Die Sitzfläche ist mit spitzen Nägeln beschlagen. Langsam, quälend, Millimeter um Millimeter bohrten sich die Spitzen ins nackte Fleisch der Opfer. Durch den Schmutz der letzten Folter drangen mit den Nägeln auch Bakterien und Viren in den Körper der Opfer, die häufig zu schlimmen Entzündungen führten.

Weitere Folterinstrumente sind die Daumen- und Beinschrauben. „Die Daumenschrauben wurden so lange zusammen gedreht, bis das Blut unter den Fingernägeln hervor spritzte. Die Beinschrauben pressten häufig das Mark aus den gesplitterten Knochen, das dann an den Beinen der Opfer herab lief!“ erklärt Henker Hermann Müller. Spätestens jetzt läuft allen Besuchern ein eisiger Schauer über den Rücken. Wer die Folter des „Verhörs“ überstand, landete meist in den lodernden Flammen des Scheiterhaufens.

Ging die Befragung glimpflich aus, wurde die Hexe lediglich des Landes verwiesen. „Und das hörte schon hinter den Kulmbacher Grenzen bei Bamberg auf“, erklärt der Henker und grinst leicht. „Bamberg war quasi schon Ausland. Die Verurteilten mussten also gar nicht so weit gehen.“

Info: „Hexen, Werwölfe und Untote – Angst und Aberglauben im Mittelalter und der frühen Neuzeit“ lautet der Titel der aktuellen Sonderausstellung auf der Plassenburg.  Unterstützt wird die Ausstellung durch das Scharfrichtermuseums in Pottenstein und ist noch bis zum 31.12.2015 zu sehen. Für weitere Informationen und klicken sie hier…